Silpnutis und Vyliukas
Ein litauisches Märchen
Ins Deutsche übertragen von Albinas Misevicius und Oda Schäfer

    Sehr, sehr lange ist es her - selbst meine Urgroßeltern konnten sich nicht mehr erinnern, wann es eigentlich war -, da lebte im fernen Litauen eine arme Witwe mit ihrem Söhnchen Silpnutis. Einmal wurde sie so schwer krank, dass sie sich nicht mehr von ihrem Lager erheben konnte. Kaum trafen die ersten Strahlen der Morgensonne das Fenster, da rief sie Silpnutis zu sich und flüsterte mühsam:

„Kindchen, ich werde von Stunde zu Stunde immer schwächer. Ich brauche Heilung für meine schlimme Krankheit. Geh du zur alten Kräuterfrau am Ende des Waldes und hole mir heilsame, duftende Kräuter: die Alte vermag nämlich die Krankheiten zu heilen und sammelt selbst alles, was sie dazu braucht: Thymian, Pfefferminz, Kamille, Salbei, Augentrost und wie die Kräuter alle heißen mögen. Aber gib acht! Laß dich nicht vom Wege verlocken, eile geschwind noch heute nach Hause zurück. Kommst du heute abend nicht wieder, so werde ich morgen schon nicht mehr hier zu finden sein.“

Silpnutis schwor ihr, daß er auf keine Verlockung achten und noch am gleichen Tage mit den heilsamen Kräutern zurück sein wollte. Bevor er aus der Tür sprang, reichte ihm die Mutter noch einen kahlen Weidenzweig und sagte: „Dieser kleine Zweig wird dir von Nutzen sein. Verliere ihn nur ja nicht, sondern gib ihn der alten Kräuterfrau, sobald du ihre Hütte betrittst.“

Silpnutis küßte weinend die Mutter zum Abschied und lief geschwind zur Tür hinaus.

Wohl mußte er bald durch einen großen, düsteren Wald gehen, doch führte ein breiter Weg hindurch und so hatte er keine Furcht.

Alles wäre gut gewesen, hätte nicht Silpnutis einen Knaben getroffen, nachdem er schon einen guten Teil des Weges zurückgelegt hatte.

„Guten Tag, Silpnutis“, redete ihn der fremde Knabe an, als ob er ihn schon lange kenne, ..wohin läufst du denn so schnell?“ '

Erstaunt erwiderte Silpnutis: „Laß mich in Frieden, ich muß zur Kräuterfrau laufen, um heilsame Kräuter zu holen, damit mir mein krankes Mütterchen nicht stirbt. Ich habe keine Zeit.“

Listig fragte nun der fremde Knabe: "Warum braucht denn dein Mütterchen die Kräuter so schnell?“

„Wenn ich nicht am heutigen Tage zurückkehre, dann ist meine Mutter verloren", antwortete Silpnutis.

„Und diese Kräuterfrau, wohnt sie weit weg von hier?" fragte der Knabe wiederum.

„Nein, nicht weit weg - dort hinten, am Ende des Waldes.“

„Ach, da wirst du noch früh genug hinkommen und wieder zurückkehren konnen“ sagte das fremde Kind, „bis zum Abend ist es noch lange hin. Wollen wir nicht ein bißchen miteinander spielen?“

„Wo wohnst du denn?“ fragte Silpnutis, indem er stehenblieb!

„Hier in diesem Walde wohne ich, aber ich wandere mit meinem Vater durch die ganze Welt“

„Und wie heißt du?“ fragte Silpnutis wieder.

„Mein Vater heißt Vylius, und ich heiße nach ihm Vyliukas“ antwortete der Knabe, zog eine Pfeife aus der Tasche und begann kunstvoll zu pfeifen, mit vielen Trillern und Läufen. Sofort antworteten ihm einige Vögel mit ihrem Gesang, und nun fingen alle Vögel des Waldes wunderbar zu singen an.

Etwas Ähnliches hatte Silpnutis sein Lebtag nicht gehört. Er wunderte sich über alle Maßen und fragte Vyliukas, was für Vögelchen es waren, die hier mit solch schönen Stimmchen sangen.

Vyliukas sagte nichts als: „Gehen wir weiter, du wirst es selber sehen.“ Silpnutis war verwundert, sagte aber nichts und ging mit ihm weiter. Je weiter sie in den Wald drangen, desto schöner und bunter wurde das Gefieder der Vögel, als kämen sie aus dem Paradies, und desto lieblicher und wohllautender wurde der Gesang. Silpnutis konnte sich nicht satt sehen an ihnen und wollte ihre Stimmchen immer wieder hören.

Schließlich gelangten sie an einen großen Garten, dort wuchsen an den Bäumen goldene Äpfel und auf dem grünen Rasen prangten die herrlichsten Perlenblumen. Die Vögelchen waren hier noch bunter als der Regenbogen.

Silpnutis war voller Neugierde und fragte: „Wem gehört denn dieser Garten?“

„Der Garten gehört meinem Vater und mir“, antwortete Vyliukas und führte Silpnutis immer tiefer hinein.

Endlich standen sie vor einem unübersehbar großen Palast, der hatte ein Dach aus gelbem und braunem Bernstein und Türen aus glitzernden Diamanten.

„Dies ist unser Haus“, sagte Vyliukas, „laß uns hineingehen.“

Silpnutis, der aus einem Staunen ins andere fiel, sträubte sich nicht lange und folgte dem fremden Knaben überall hin, denn schon längst hatte er vergessen, daß er zur Kräuterfrau gehen sollte.

Vyliukas klopfte dreimal an eine der Türen aus Diamanten, und im gleichen Augenblick öffnete sie sich und erschloß den beiden einen großen Saal. Sie gingen hinein und fanden dort einen alten, würdigen Mann mit einem seidenen Bart und goldenen Haaren, der auf einem breiten Sessel aus Daunenpolstern saß. Es war der alte Vylius, der Vater von Vyliukas.

Kaum hatte er Silpnutis erblickt, lächelte er ihm freundlich zu und ließ ihn näher herantreten, dann bat er ihn zu sich an den Tisch und befahl seinen Dienern, die köstlichsten Speisen und Getränke aufzutragen. Die Diener eilten auf geschwinden Füßen herbei und brachten so viel herangeschleppt, daß der Tisch unter der Last beinahe brach.

,,Iß“, sagte er freundlich und reichte ihm wieder eine Schüssel, „Kindchen, iß nur, du bist doch hungrig und durstig und vom vielen Laufen müde geworden“.

So gut und freundlich kam der Greis dem Silpnutis vor, daß er zu träumen glaubte. Kein irdischer Mensch konnte so gut zu einem sein.

Nachdem Silpnutis sich gesättigt und seinen Durst gelöscht hatte, sprach der Greis: „So, nun lasse ich Musik machen, damit du keine Langeweile hast. Komm, wir wollen in einen anderen Palast gehen“.

Und er führte Silpnutis und Vyliukas in einen noch größeren Palast aus reinem Silber. Dort brannten unzählige Lampen, die einen helleren Schein als die Sonne selbst verbreiteten, die Wände waren mit den herrlichsten Bildern und den farbenreichsten Teppichen behängt, vor den Fenstern blühten die sonderbarsten Blumen, so leuchtend und duftend, wie Silpnutis sie noch niemals erblickt hatte. Er wurde immer mehr von Glück erfüllt und schaute nur selig um sich, ohne ein Wort sprechen zu können.

Dann stieß der Greis heftig mit dem Fuß auf den Boden, und im Handumdrehen eilten unendlich viele Musikanten herbei, mit den verschiedensten Instrumenten in den Händen. Als sie zu spielen begannen, war es eine weiche, süße Musik, und Silpnutis glaubte im Himmel zu sein. Von allen Seiten strömten plötzlich viele vornehme Herren und Damen herbei und begannen nach der Musik zu tanzen, indem sie sich auf eine sonderbare Weise umeinander drehten und sich veneigten.

„Komm, wollen wir auch ein Tänzchen versuchen“ sagte Vyliukas zu Silpnutis, „aber deine Kleider gefallen mir nicht, sie sind nicht schön genug. Ich werde dir neue schenken.“

Silpnutis sah an sich herunter und entdeckte zu seinem Staunen, daß er auf einmal reich und glänzend gekleidet war. Doch er verstand nicht zu tanzen und fürchtete sich davor.

„Ach, das ist nicht weiter schlimm“, sagte Vyliukas, „schau her, fange nur an, es wird schon gehen, ich helfe dir“.

Und wirklich, als Silpnutis zu tanzen versuchte, da war er der beste Tänzer von allen und ihm war zumute, als hätten sich Fiügel unter seine Füße gebreitet. Er tanzte und tanzte immerfort, bis er so müde wurde, daß er am liebsten umgefallen wäre. Nun nahm ihn Vyliukas lachelnd am Arm, führte ihn, der vor Müdigkeit schon taumelte, aus dem Saal hinweg in ein schönes Zimmer und legte ihn auf ein weiches Daunenbett, in dem er sogleich in Schlaf versank.

Lange Zeit hatte Silpnutis geschlafen, so dünkte es ihm, als er erwachte. Aber als er die Augen aufschlug, da fand er weder sein silbernes Schloß, noch Musikanten, noch einen Garten. Mitten im düsteren Walde lag er auf einem harten Mooshügel, den Kopf auf Farnkräuter gebettet. Es wurde schon allmählich Abend, das Licht ging zur Neige. Zu Tode erschrocken sprang Silpnutis auf, ergriff seinen Zweig und lief rasch weiter, um seinen Weg zu suchen. Bald fand er ihn wieder und nicht lange dauerte es, da stand er atemlos vor der alten Kräuterfrau in ihrer Holzhütte und richtete ihr, während sie ihm geduldig zuhörte und ihn aus wissenden Augen anschaute, den Auftrag der alten Mutter aus. Aber er verriet ihr nichts davon, daß er unterwegs soviel Zeit versäumt hatte.

„Hat dir dein Mütterchen nichts für mich mitgegeben?“ fragte die Alte.

„Sie hat mir etwas mitgegeben“, antwortete Silpnutis gehorsam, „dieses Stöckchen gab sie mir für dich mit.“

Die Alte nahm den kahlen Weidenzweig, betrachtete ihn genau und sprach dann: „Oh, oh, was muß ich sehen Kindchen? Wo warst du denn so lange? Es ist schon drei Tage her, seit du von zu Hause fort bist!“

Silpnutis erschrak wieder bis in sein Herz hinein und begann zu weinen.

„Bei diesem Vyliukas war ich drei Tage zu Gast“, schluchzte er und legte seinen Kopf auf die Arme. „Jetzt wird mein Mütterchen gestorben sein, wird gestorben sein!“ Und er weinte noch viel mehr, so daß sein ganzer Ärmel naß wurde.

„Weine nicht, kleiner Silpnutis“, tröstete ihn die Alte. „wohl bist du schuld, daß du dich unterwegs aufhalten ließest, doch ich will dir in deiner Not helfen. Nur mußt du mir unbedingt gehorchen. Tue, was ich dir jetzt sagen werde, ohne dich irgendwo zu verweilen. Dein Mütterchen ist nicht mehr in ihrem Hause. Die Hexen haben sie geholt. Aber du wirst sie finden können. Ich werde dir deinen Weidenzweig wiedergeben: siehe her, hier sind drei kleine Knospen. Diese Knospen keimten, als du vom Wege abirrtest; die erste am ersten Tage, die zweite am zweiten und die dritte am dritten Tage. Nimm den Zweig und kehre nach Hause zurück. Bist du dort angekommen, so drücke auf die oberste Knospe, dann wird ein Blättchen hervorsprießen. Pflücke dieses Blättchen ab und wirf es zu Boden. An seiner Stelle wird sich ein langes, langes Seidenband entrollen. Dieses wird sich in einen kleinen, schmalen Pfad verwandeln, und auf ihm mußt du entlang gehen - dann wirst du dein Mütterchen finden! Nur gib diesmal genau acht und tritt nirgends vom Pfad zur Seite: wenn du auch nur einen Schritt abweichst, dann wirst du deine Mutter nicht finden können. Triffst du sie auf dem ersten Pfad nicht, so drücke auf die zweite Knospe und wieder wird ein Blättchen hervorkeimen. Mache es mit diesem genau so wie mit dem ersten. Und wenn es unbedingt notwendig ist, so magst du auch auf die dritte Knospe drücken. Aber ich rate dir gut, schon auf dem ersten Pfade, ohne dich aufzuhalten, weiterzugehen, denn er ist der kürzeste von allen dreien und führt dich am raschesten zu deiner Mutter. Der dritte ist der längste und beschwerlichste Pfad.“ .

Silpnutis hörte der Alten aufmerksam zu. Dann versprach er ihr, alles genau zu befolgen und ging sofort nach Hause. Kaum war er daheim, drückte er schon auf die erste Knospe, und es geschah genau wie die Alte es vorhergesagt hatte.

Freudig beschritt Silpnutis den schmalen Pfad, in der Hoffnung, sein Mütterchen bald zu finden. Doch je weiter er kam, desto schlechter wurde dieser Pfad und er begann zu stolpern, weil Wurzeln und Steine auf seinem Wege lagen. Daneben aber dehnte sich das glatte, ebene Feld.

„Warum gehe ich eigentlich mitten auf diesem unbequemen Pfad?“ sprach Silpnutis zu sich selber, „wenn daneben das ebene Feld lächelt? Ich werde die Richtung schon einhalten und lieber auf dem Felde weitergehen, es ist doch schließlich ein und dasselbe. Ich brauche ja den Pfad nicht aus den Augen zu lassen.“

ln dem Augenblick, da seine Füße den Pfad verließen, verschwand er spurlos vor seinen Augen. Nun wußte Silpnutis nicht mehr, wohin er sich wenden sollte und große Traurigkeit ergriff ihn. Aber zur rechten Zeit erinnerte er sich, daß noch zwei Knospen an dem Weidenzweig saßen, er drückte auf die zweite und sogleich keimte ein Blättchen hervor. Silpnutis pflückte es ab, warf es zu Boden und vor ihm streckte sich ein endlos langes Leinenband aus, das sich wieder in einen Pfad verwandelte, der jedoch noch schmaler war als der erste.

Frohen Herzens betrat er ihn und dachte im Gehen: „Nun werde ich diesen Pfad nie und nimmermehr verlassen, ich werde auf ihm weitergehen, bis ich mein Mütterchen gefunden habe.“

Aber je weiter er ging, desto mehr Steine lagen auf dem Wege, ständig stolperte er und einmal fiel er sogar der Länge nach hin. Neben ihm grünte eine kleine, sanfte Wiese, die von den wunderschönsten Blumen bedeckt war und zum Liegen einlud.

„Auf diese Wiese werde ich mich nicht verleiten lassen, nein, ich werde auf ihr nicht weitergehen“, dachte Silpnutis bei sich, „aber ein klein wenig kann ich mich dort hinsetzen, nur um einige Minuten auszuruhen. Das werde ich doch sicher tun dürfen, und nachher kann ich ja auf dem Pfad wieder weiter wandern.“

Aber siehe da! Kaum hatte er den Pfad verlassen, war er wie im Nichts verschwunden. Nun wurde Silpnutis ganz traurig, die Tränen rannen ihm über die Wangen und er wußte nicht mehr ein noch aus. Doch zum Glück erinnerte er sich daran, daß er noch eine Knospe besaß, und voller Hoffnung drückte er darauf. Augenblicklich sproß ein neues Blättchen hervor. Als er es zu Boden warf, wurde es zu einem Wegband, das sich weit ins Unendliche hinein erstreckte und zu einem Pfad wurde. Der Weg war jedoch so schlecht und holprig und hart, daß es sogar den Augen schon weh tat, wenn sie nur auf ihn schauten.

Silpnutis seufzte, aber ohne zu zögern machte er sich auf den Weg. „Jetzt werde ich nirgends mehr vom Wege abweichen, bis ich nicht mein Mütterchen gefunden habe“, schwor er sich.

Und Silpnutis ging und ging und ging, immer weiter. Anfangs säumten kleine Erlenbüsche den Weg zu beiden Seiten und flüsterten im Wind, später fanden sich auch weiße Birken, hohe Tannen, kräftige Eschen und breite Eichen dazu. Auf diesen Bäumen saßen die Vögelchen und sangen ihre süßen Lieder mit hellen, zwitschernden Stimmen. Doch Silpnutis hörte nicht auf sie, sondern ging weiter ohne sich beirren zu lassen, obwohl er schon sehr müde war. Nun wurde der Weg immer schlechter, so daß er seine Füße kaum noch heben konnte. Schon schien es nicht mehr weit bis zum Abend zu sein und das Ende des Weges war nicht abzusehen. „Trotzdem werde ich weitergehen“, beschloß das Kind und ging und ging:

Nun hörte zu beiden Seiten des Pfades der Wald auf und Gärten breiteten sich aus, soweit das Auge reichte. Dort wuchsen dunkle Kirschen, rotbackige Äpfel und gelbe Birnen, aber Silpnutis schaute nicht dorthin. Kaum noch konnte er seine bloßen Füßchen heben, denn der Weg war mit spitzen Steinen wie gepflastert und zerriß seine Fußsohlen. „Nun, ich werde weitergehen und es erdulden“, dachte Silpnutis und das Schluchzen stieg ihm in der Kehle auf, „ich lasse mich nicht beirren.“

Plötzlich rief ihm eine freundliche Stimme aus dem Garten am Wegrande zu: „Silpnutis“

Er erschrak, drehte sich um und schaute – Vyliukas stand dort und lächelte freundlich.

„Wohin denn so eilig?“

Voller Zorn rief Silpnutis: „lch gehe mein Mütterchen suchen! Durch dich habe ich sie verloren! Du hast mich belogen und betrogen.“

Es dauerte nun nicht mehr lange, da kam Silpnutis vor ein Schloß. Vor dem Tore stand ein Wächter und schaute ihn böse an. Als Silpnutis sich ihm näherte, fragte der Wächter: „Was suchst du hier?“ – „Ich suche mein Mütterchen“, erwiderte Silpnutis. „Sie ist hier“, sagte der Wächter, „aber es ist nicht einfach, zu ihr zu gelangen. Ich werde dir ein Mützchen geben: setze es auf und gehe auf dem geradesten Weg in das Schloß hinein. Das Mützchen wird dich unsichtbar machen. Du kommst ungesehen in das Schloß und findest deine Mutter im hintersten Zimmer. Neben ihr sitzt eine greuliche Hexe. Warte so lange bis die Hexe fortgeht, dann nimm dein Mützchen ab und gib dich deiner Mutter zu erkennen. Und sie wird dir dann sagen, was du weiterhin tun mußt.“

Silpnutis tat, wie ihm geheißen ward. Er schlüpfte in das Schloß hinein, fand seine Mutter und neben ihr sitzend die schrecklichste Hexe, die man sich nur vorstellen kann. Geduldig wartete er, bis sie fortgegangen war, dann nahm er sein Mützchen rasch vom Kopf und zeigte sich seinem Mütterchen. Wie die sich freute, als sie ihren lieben Silpnutis sah.

„Aber warte nun keine Minute länger hier bei mir“, sagte sie, „du bist gekommen, um mich zu befreien. Aber du kannst nicht nur mich, sondern alle unglücklichen Bewohner dieses verzauberten Schlosses retten, denn du hast das Mützchen, das unsichtbar macht. Setz es auf und besteige den Turm des Schlosses. Dort wirst du eine riesige Trompete finden. Wenn du hineinbläst, so wird sich alles in seine frühere Gestalt verwandeln und ich werde befreit sein. Der Turm wird allerdings von vielen Wächtern bewacht, aber sie können dich nicht erspähen, wenn du dein Mützchen aufbehaltst.“

Silpnutis gehorchte diesmal seiner Mutter aufs Wort. Er bestieg den hohen Turm, blies dort in die riesige Trompete und das ganze Schloß verwandelte sich. Die Mutter des kleinen Silpnutis wurde erlöst und mit ihr alle anderen, die von der Hexe verzaubert gewesen waren und als Hunde, Katzen und Hühner hatten ihr Leben fristen müssen. Silpnutis und sein Mütterchen lebten noch lange miteinander und ihr Leben war stets voll Glück und Freude.